LISA WHO

Pressefoto // Klick für Druckauflösung // Credit: Hannes Casper

„Nimm dir Zeit, zu vergessen, was wird,
leg die Zukunft in der Gegenwart ab.“

Alles, was wir haben, ist Jetzt. Ein Gedanke, über den man im Angesicht der aktuellen Weltlage schnell mal ins Taumeln geraten kann. Lisa Who versucht dieser Erkenntnis positiv zu begegnen und schreibt mit ihrem zweiten Album „Ein neuer Beginn“ ein Plädoyer fürs Mutigsein. Denn Mut, den brauchte man 2020 als Indiekünstlerin. Nach verschobenem Release und abgesagter Tour steckte die Berlinerin daher nicht resigniert den Kopf in den Sand, sondern orientierte sich spontan neu: Sie absolvierte eine Weiterbildung in der Betreuung von Senior*innen und schenkte ihre ungeplant freigewordene Zeit somit älteren Menschen, denen sie nun mit ihrer Musik manchmal sogar den Alltag in den Altenheimen erhellt.

Denn die Musik hat Lisa Who bei aller Systemrelevanz natürlich nicht aus den Augen verloren. Mutig war auch der Schritt, sich von ihrem Label Arising Empire zu trennen und ihr zweites Album nun auf ihrem eigenen, frisch gegründeten Imprint The Shit Records im Alleingang herauszubringen. Einfach mal machen, die zweifelnde Stimme im Hinterkopf in den Wind schießen, Scheitern als Chance – was ist schon das Schlimmste, was passieren kann? Eben.

„Ein neuer Beginn“ ist genau das und zum Glück doch keine komplette Abkehr von Lisa Whos früherem Sound. Einzelne Fäden aus ihrem psychedelischen Debüt „Sehnsucht“ (2017) spinnen sich hier hörbar fort. Die von Pink Floyd, Warpaint und Air gleichermaßen inspirierten, zeitlupenartigen Instrumentalparts etwa, die playlistenoptimierte Songformate konsequent sprengen. Lisa Who nimmt sich Zeit, ihre Songs zwischen kosmischem Prog-Rock, sphärischem Indie und eingängigem Deutschpop eindrucksvoll zu entwickeln. Gewohnt zart konterkariert ihr melancholisch-verträumter Gesang dabei die mächtige wall of sound. Doch in einigen tanzbaren Up-Tempo-Momenten zeigt Lisa Who auch neue Facetten von sich, etwa die ausgelassene Live-Performerin, die sie als Keyboarderin der Band Madsen herauslassen kann. „Ein neuer Beginn“ ist Gegenwartsbewältigung ohne Eskapismus. Denn alles, was wir haben, ist Jetzt. Musik hat im Leben von Lisa Who schon immer eine große Rolle gespielt. Ihr Vater, selbst Musiker, brachte ihr früh das Gitarrenspiel bei. Wenn er auf Tour war, hörte sie zu Hause seine Paul-McCartney-Platten, Herbert Grönemeyer oder Whitney Houston. Später lernte sie Klavierspielen und entdeckte mit Ella Fitzgerald, Chet Baker und Billie Holiday ihre Liebe zum Jazz – und vor allem zum Gesang. Ihr zartes, vom lebhaften französischen Chanson wie vom schwermütigen Jazz und der divenhaften Melancholie einer Lana Del Rey gleichermaßen geprägtes Stimmtimbre, wurde fortan zum Ausgangspunkt ihrer eigenen Songs.

Nach einigen Bandprojekten fand sie in ihrem Soloprojekt Lisa Who schließlich zu ihrer wahren musikalischen Identität. Eine zentrale Figur während dieses künstlerischen Selbstfindungsprozesses war ihre Begegnung mit Sebastian Madsen, Sänger der gleichnamigen Band. Er holte sie 2010 als Keyboarderin in die Band und damit auf die große Live-Bühne, wo sie hingehört. In Sebastian Madsen hat Lisa Who einen musikalischen Seelenpartner gefunden, mit dem sie bis heute als Produzent ihrer Musik zusammenarbeitet. Denn obwohl Lisa Who als Sängerin, Songwriterin und Performerin das kreative Zepter hinter ihrer Musik nie aus der Hand gibt, ist sie doch keine One-Woman-Show. Auch auf „Ein neuer Beginn“ hat Sebastian Madsen neben Tobias Siebert (And The Golden Choir), als Produzent mitgearbeitet. Entstanden im Madsen-Studio im Wendland und im Kreuzberger Studio von  Siebert, fügen sich Lisa Whos lyrisches Songs zwischen treibenden Beats, bombastischen Rockgitarren und detailverliebten Produktionsspielerein mit alten Synthies und analogen Bandmaschinen organisch zu einem facettenreichen Kaleidoskop zusammen. Auch wenn „Ein neuer Beginn“ im Gegensatz zu „Sehnsucht“ bewusst kein Konzeptalbum sein will, ziehen sich doch inhaltlich wie musikalisch deutliche roten Faden durch das Album.

Wie eine Explosion in Zeitlupe, so eröffnet „Ein neuer Beginn“ mit einem Knall und gibt den Blick frei auf den klirrend kalten Silvesterhimmel. „So weit das Auge reicht, nur leuchtende Raketen“, singt Lisa Who nachdenklich in die vom Feuerwerk erhellte Nacht. In diesen Moment hinein, in dem alles möglich scheint. Bunte Funken spiegeln sich in den Augen der Liebsten, mit denen man frierend auf dem Balkon steht, Wunderkerzen in der Hand, und das alte Jahr endlich hinter sich lässt. Diese besondere Mischung aus Nostalgie und Euphorie, aus Zögern und Ungeduld, Verweilen und Aufbruch, die wohl alle am Ende des letzten Jahres besonders spürten – sie zieht sich gerade zu programmatisch durch „Ein neuer Beginn“.

„Glücklich ohne Dich“ ist eine euphorische Hymne ans Loslassen und das triumphale Gefühl, wenn der Schmerz endlich nachlässt. In einer hörbaren Hommage an ihre schwermütigen Heldinnen Amy Winehouse und Lana Dely Rey feiert Lisa Who die Unabhängigkeit mit einem Song, der in jedem Indiefilm die Szene im Cabrio untermalen könnte, in dem die Protagonistin mit wehendem Haar in die Freiheit fährt – gelöst von den Fesseln einer  vergangenen Beziehung. Thank you, next.

Auf „Leichtigkeit“ vermischen sich treibende 80s-Beats à la Neu! und Bronski Beat mit psychdelischem Slo-Mo-Wüsten-Rock. Über cineastischen Klangweiten und endlosen Instrumentalparts, in denen das Zeitgefühl erschwimmt, lässt Lisa Who die Logik gehen und sieht plötzlich klar: Die Freiheit ist der Raum, in den man sich ab und zu einfach fallen lassen muss. Lass los, das Jetzt zählt. Atme ein, atme aus. Alles wird gut. Den Rausch der Gesellschaft mal für einen Moment zu vergessen, den Weltschmerz, die eigene Ohnmacht. Kurz Innehalten, Kraft aus sich selbst schöpfen – all das schafft Lisa Who mit ihren hypnotischen Songs, deren Sog man sich nicht entziehen kann.

Auch „Nicht wahr“ ist eine musikgewordene Achtsamkeitsübung: „Nimm dir Zeit, zu vergessen was wird, leg die Zukunft in der Gegenwart ab.“ Lisa Who stellt sich den existenziellen Fragen, ohne in Schwermut zu verfallen. Ihre kryptischen Gedanken sind bewusst so offen formuliert, dass jede*r hier seine eigene Wahrheit finden kann. Gebettet auf ein weiches Soundkissen, blendet der meditative Popsong die Realität für einen Augenblick aus, schickt auf eine Traumreise, nach der man die Welt vielleicht mit anderen Augen sehen kann.

Bei aller Introspektive schlüpft das lyrische Ich auf „Ein neuer Beginn“ aber auch immer wieder in Rollen, die neue Facetten von Lisa Who zum Vorschein bringen. Das über sieben Minuten lange „Er hat mich wieder nicht gesehen“ vertont das Was-wäre-wenn, die Sehnsucht nach dem Unbekannten im Kopf, die am besten auch nur dort existiert. Auf dem etwas augenzwinkernden „Mutter“ offenbart sich Lisa Who unerwartet als „Komfortzonenjunkie“ und Slacker-Queen, die sich bei all den Optionen, die das Leben vermeintlich bereithält, am liebsten unter der Bettdecke verkriechen möchte. „Kind du hast doch alle Möglichkeiten, du musst einfach nur die Chance ergreifen“ – wer hat diesen Satz noch nicht von seiner eigenen Mutter gehört? Erwachsenwerden ist nicht so leicht. Und irgendwie hört es auch nie auf.

Dass viele Songs auf „Ein neuer Beginn“ an ihrem liebsten Rückzugsort entstanden sind, hört man auch in den Texten: Das Meer, genauer gesagt ein Ferienhaus an der Ostsee, ist Lisa Whos nicht versiegender Quell der Inspiration. Auf dem vom mächtigen Stoner-Rock der Black Keys oder Tame Impala beeinflussten „Weit wie die See“ arbeitet sie sich mit bluesig-rockigem Jazz-Gesang an einem Rätsel in Menschenform ab, das sie einfach nicht lösen kann. Das doppeldeutige „Müde am Mehr“ liefert eine kritische Auseinandersetzung mit dem schnelllebigen Zeitgeist, der Konsumgesellschaft und der fragwürdigen Suche nach dem Glück im Außen. „In der Natur“ ist eine romantische Liebeserklärung an die Vollkommenheit der Natur, in der sich das Stadtkind Lisa Who plötzlich ganz fühlen kann, vor Ehrfurcht erstarrt und geerdet.

Doch es geht auch um Freundschaft und die Menschen in unserem Leben, die wir oft für selbstverständlich nehmen. Die hoffnungsvolle Upbeat-Nummer „Lichtgestalt“, die an den tanzbaren Indie-Pop von BOY erinnert, ist ein Dankeslied an die Menschen, die in aller Dunkelheit immer noch ein Fünkchen Positives finden, die Perspektive wechseln und damit unser Leben zum Leuchten bringen. „Freundschaft“ handelt von der bedingungslosen Liebe, die echte Freundschaft oft so viel wertvoller macht als romantische Liebesbeziehungen. Voller Dankbarkeit vertont Lisa Who das tiefe Verständnis und das wechselseitige Halten, das einem nur echte Freund*innen geben können. Mit „Ich komme mit, ich bin dabei“ endet „Ein neuer Beginn“ auf einer unerwartet düsteren Note: Über das lyrische Bild der drogenabhängigen Jazz-Ikone Chet Baker, dessen Musik Lisa Who verehrt, vertont sie das Thema  Depressionen und das gemeinsame Am-Abgrund-Stehen mit einer schwermütig verschleppten Blues-Nummer. „Wenn wir den Bach schon runtergehen, dann zusammen“ dichtet sie mit der ihr eigenen, typischen Doppelbödigkeit und findet schlussendlich doch zu eine positiven Twist: „Ich sag dir, dass das noch nicht das Ende ist.“ Auch für Lisa Who ist ihr zweites Album nicht nur „Ein neuer Beginn“. Es ist erst der Anfang.